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die türkei hat gewählt, wieder einmal. wahlen sind ausdruck einer funktionierenden demokratie. das ist eigentlich mein lieblingsfazit; alles andere -naja.

erdogan hat immer von einer neuen türkei gesprochen, die entstehen soll unter seiner führung. richtig, unter seiner führung -das klingt nicht mehr ganz so demokratisch. es hat mich die ganze zeit über gewundert, daß so wenige den schafspelz gesehen haben, mit dem er sich kleidete. andererseits hat er sich ständig sehr viel mühe gegeben, ein guter grund der wahl zu sein: die friedensverhandlungen mit der kurdischen bevölkerung waren nie vorher so vorangetrieben worden und die einschränkungen für die kurdischen menschen so weit reduziert worden wie durch erdogan, es gab selten so eine lange stabile periode, das militär scheint gebändigt, die wirtschaft boomt und endlich war auch der kleine mann in den entlegensten orten der gewinner. und vor allem: man, und besonders die frau, durfte wieder öffentlich religiös sein. da kann man schon mal gut über den ein oder anderen ausraster hinwegsehen.

auf der anderen seite gibt es die, die erdogan eine menge vorwerfen können und er liefert immer wieder neuen stoff. was man ihm in meinen augen aber vor allem vorwerfen muß: er ist kein vermittler. er vermittelt, wenn es ihm von nutzen ist, wie bei den kurden, um deren wählerstimmen es ihm ging. sobald er sich aber sicher fühlte, war die vermittlung auch wieder nichtig – was ihm jetzt die wahl und die mehrheit im parlament gekostet hat. und dieses wahlergebnis ist ausdruck der großen spaltung in der türkei.

Sitzverteilung im türkischen Parlament

jetzt spricht die opposition von einer neuen türkei. man erlebe eine zäsur, sagen sie – und tun so, als sei erdogan morgen verschwunden.

ich kann grad die neue türkei so gar nicht erkennen, viel eher die ach so bekannte alte, instabile; nur diesmal nicht mit dem riß zwischen militär und volk, sondern mit einer fetten kluft mitten durch die gesellschaft. denn was wird sein? die opposition wird nicht koalieren können, es ist schier unmöglich, daß die nationalistische mhp und die kurdischen hdp zusammenarbeiten werden. die sozialistische chp könnte zwar mit beiden, aber das würde jeweils nicht reichen. erdogans akp müsste koalieren, aber mit wem? chp: geht nicht, diese müsste ihre gesamte attatürksche tradition über bord werfen. hdp: hats eh schon abgelehnt – und nachdem erdogan den kurden so eine deftige watsche verpaßt hatte, werden die sich auch kaum umentscheiden können. vielleicht käme die mhp am ehesten in frage, aber die wollen auch nicht, bzw. sie wollen arg gebeten werden – der preis dürfte dann sehr hoch sein. also neuwahlen? da bräuchte man dann keine kristallkugel, um zu sehen, daß dann doch wieder die akp die mehrheit erlangt. denn viele protestwähler fürchten sicherlich mehr als alles eine allgemeine unsicherheit. dann doch lieber einen größenwahnsinnigen erdogan als eine zusammenbrechende türkei.

so oder so wird es eine auseinanderbrechende türkei werden. selbst wenn erdogan es schaffen würde, sehr viel kreide zu fressen – nur wenige aus der anderen seite des volkes werden sich jetzt noch einwickeln lassen. gezi-park, das gruben-unglück von soma, sein palast, die unfähigkeit, kritik zu vertragen und die damit zusammenhängende einschränkung von menschenrechten, die verbalen entgleisungen zu fast allen themen – wie soll man das vergessen? selbst ohne tote wäre das schwer – und die toten mahnen laut.

im moment versucht er sich als guter verlierer, das erste mal verhält er sich so, wie es die türkische verfassung von seinem präsidenten erwartet: mäßigend, zurückhaltend und neutral. aber so wird es nicht bleiben – sein traum steht auf dem spiel, das wird er nicht tatenlos zulassen.

die frage ist auch: was wäre tatsächlich, wenn erdogan weg wäre? seine partei, die akp, hat sich personell so stark gewandelt, daß sich keine klaren konturen erkennen lassen. starke persönlichkeiten sind im laufe der zeit zu gegenspielern erdogans geworden – aber wären sie die bessere alternative?

sein ehemaliger großer unterstützer gülen? mir sind religiöse führer suspekt, egal wie modern und anti-diskriminierend sie sich geben – ich habe die befürchtung, daß da ein wolf gegen einen anderen ausgetauscht wird.

die chp rennt immer noch ihrem profil hinterher und weiß nicht mehr, ob sie rechts oder links ist. sie hat offensichtlich stammwähler – aber nicht das zeug, um das volk zu einen.

faschisten sind niemals eine alternative. neben wirtschaftlicher stabilität braucht die türkei dringendst dauerhaften inneren frieden – krieg lauert schon genug an den grenzen. mit der mhp ist so ein frieden nicht gewährleistet, deren hass auf die kurden ist zu dominant.

und die prokurdische partei hdp? sie schreibt sich den schutz aller minderheiten auf die fahne, auch der der homosexuellen…sie haben mit 40% den höchsten frauenanteil, bei ihnen sind auch religöse minderheiten vertreten. sie wirken wie die hoffnung der türkei – und doch: wenn es ihnen nicht gelingt, sich mit ihrer eigenen geschichte und der der pkk auseinanderzusetzen, wird es nix werden mit ruhe und frieden.

die menschen in der türkei haben erdogan viel zu verdanken – und werden das nicht vergessen, weder die, die den gewinn hatten, noch die mit dem schaden. ich sehe niemanden, der das heilen kann. am allerwenigsten erdogan. wenn er wieder erstarkt, wird er den bruch perfekt machen. und wenn dann die, denen sicherheit und wohlstand so wichtig war, wach werden, weil sie diese form der bevormundung dann doch nicht wollen, dann wird es zu spät sein.

die türkei wird nicht neu werden, nur sehr anders. das tut mir im herzen weh.