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hans mommsen ist an seinem 85. geburtstag gestorben. aus einer familie stammend, die seit dem urgroßvater die geschicke der geschichtswissenschaft mitbestimmte, war sein einfluß auf die auslegung seiner spezialgebiete, der ns-geschichte und der weimarer republik, maßgebend.

für uns als studenten war es bedeutend, in seinen vorlesungen zu sitzen. es war aber auch wahnsinnig anstrengend, weil er im ruf stand, einen hohen anspruch und eine geringe geduld, bzw. toleranz gegenüber unwissen zu haben, und gleichzeitig eher nuschelnd geredet hat. einen großteil seiner vorlesung las er, am pult stehend vom skript ab – und ich hatte mehr als einmal mühe, nicht einzuschlafen. hier ein paar sehr typische beispiele:

http://collections.ushmm.org/search/catalog/irn507297

aber dann gab es da diese beeindruckenden, besonderen momente, wo er sich von seinem pult löste, einen schritt zur seite trat, sich noch am pult festhielt – zur sicherheit –  sich nur vom skript-text gänzlich löste und wir lebendige, gelebte geschichte erfahren durften. jedes wort davon, jede sekunde, hat gänsehaut gemacht, weil es klar war, daß da nicht nur einer steht, der geschichte interpretierte, sondern einer, der uns von der zeit erzählte. sicher, wir hätten alle unsere großeltern fragen können – aber ich kenne niemanden, der es tat, oder der antworten bekommen hätte.

hans mommsens familie stellte das liberale bildungsbürgertum dar, sein vater war professor und teil des ns-beamtentums. aber es gab auch die kontakte zu den widerständlern vom 20.juli 44. da war hans mommsen 14 jahre alt und somit, wie wir von uns selbst wissen, alt genug, in einer politischen zeit wesentliche dinge mitzubekommen.

seine forschungen gerade zum holocaust waren nie bequem, aber deshalb um so wichtiger. bereits sehr früh – in den siebzigern zwar nicht wirklich früh aber doch früher als viele anderen –  sprach er sich gegen den erklärungsansatz des „führerbefehls“ aus. statt dessen prägte er den ausdruck von der „kumulativen radikalisierung“, die besagte, daß es eben nicht den einen befehl zur vernichtung der juden von oben gab, sondern daß es verschiedene, gleichzeitige und teilweise miteinander konkurierende „lösungsansätze“ für die „judenfrage“ gab. damit konnte sich die deutsche gesellschaft nicht länger hinter der verantwortung eines einzelnen verstecken und die verarbeitung der deutschen geschichte zwischen 33 und 45 rückte ein stück näher.

mit hans mommsen ist ein herausragender forscher gestorben und eine weitere stimme verstummt, die uns von der ns-zeit berichten kann. er hat nicht nur durch seine arbeiten die oral history vorangetrieben, sondern war selbst ein wesentlicher lieferant lebendiger geschichte. glücklicherweise ist er oft befragt worden und hat viel geschrieben.

für mich persönlich ist es sein tod mahnung, bei tante margot nachzuholen, was ich bei meinen großeltern verpasst habe.

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